Ganzheitlich – was bedeutet das?

In meiner langjährigen Tätigkeit in heilenden, kreativen und lehrenden Tätigkeiten ist mir das Thema Ganzheitlichkeit in vielen verschiedenen Settings begegnet. Die meisten Menschen haben unterschiedliche Wahrnehmungen dazu. Je nachdem aus welcher Lebenswelt ich berichte, sind unterschiedliche Aspekte genannt. Es gibt vielseitige und vielfältige Erklärungen, die alle ihre Berechtigung haben. Da ich in einem Beruf arbeite, wo ich Menschen begleite und lehre und es in den meisten Fällen um Störungen bzw. Erkrankungen geht, hat sich im Laufe der langen Jahre für mich ein Weg herauskristallisiert, den ich gerne vorstellen will:
Ganzheitlichkeit bedeutet für mich im Sinne von Heilung, dass ich alle Aspekte eines Menschen und seines Umfeldes mit einbeziehe. Ganzheitlichkeit bedeutet für mich aber auch, dass Heilungsprozesse ein multiprofessionelles Anliegen sind und sie Zeit und Geduld brauchen, um sich im eigenen Tempo zu entwickeln. ManchmaI sind es Mikroschritte und manches Mal gibt es einen Bruch und alles ist anders.
In der sogenannten modernen Medizin sind die meisten Professionen voneinander getrennt, wir haben z.B. Neurologen/innen, Internisten/innen, Chirurgen/innen, Heilpraktiker/innen, Psychiater/innen, Psychotherapeuten/innen, Heiler/innen, Schamanen/innen, Coaches/innen (man könnte auch Berater/innen sagen :-)), Heilpraktiker/innen für Psychotherapie, Ernährungsberater/innen und noch so einiges mehr. Also Trennung, etwas was wir im schulmedizinischen Bereich bemängeln und im naturheilkundlichen Bereich genauso tun.
Aber alle diese verschiedenen Bereiche haben natürlich ihre Berechtigung, nur ist der Blick und die Wahrnehmung auf eine Störung unterschiedlich. Während der Kardiologe/in den hohen Blutdruck behandelt, wird der Orthopäde/in vielleicht den verschobenen Brustwirbel wahrnehmen, der dazu geführt haben könnte, dass der Blutdruck erhöht ist, der Psychotherapeut/in murmelt etwas von unter Druck stehen, der/die Ernährungsberaterin weiß, dass die Ernährung wichtig ist und der Physiotherapeut verordnet Herz-/Kreislauftraining. Und alle haben aus Ihrer Sicht recht und das Richtige geraten.
Tja, wie wäre es nun, wenn wir uns im Sinne einer alten Heilkunde oder der Ordnungstherapie aus der hippokratischen Medizin auf Ganzheitlichkeit besinnen und miteinander arbeiten für Patient/innen arbeiten? Ein wahrlich revolutionärer Ansatz!
Gesundheit und Erkrankung ist ein hochkomplexes Thema und ich finde es wichtig, den Menschen zu sehen, der um Unterstützung bittet. Hier ein Beispiel:
Ein Mensch mit stärksten Schmerzen profitiert erst einmal von wirkungsvollen (schulmedizinischen) Medikamenten, die ihn dabei unterstützen, wieder klarer im Denken zu sein. Nun erhöhen sich bei starken Schmerzen (und ebenfalls bei psychischen Erkrankungen und Trauma) die Cortisol- und Entzündungswerte und die körpereigenen Vitamine und Mineralstoffe werden dazu genutzt, um dies zu verarbeiten. Die stehen dann für kraftvolle Prozesse nicht mehr zur Verfügung und sollten aufgefüllt werden. Eine entzündungshemmende Ernährung und sinnvolle Mikronährstoffe wären hilfreich, ebenso wie die Behandlung des Mikrobioms. Die körperliche Ebene ist nun wahrgenommen und wird fürsorglich behandelt. Natürlich ist das individuell zu betrachten.
Dann ist es hilfreich, falls vom Fragenden erwünscht, zu erforschen, was die Ursache des Schmerzes sein könnte. Wann hat er angefangen, gab es einen Auslöser, haben Medikamente das ganze verstärkt? Ist der Schmerz Ausdruck eines größeren seelischen Geschehens? Jetzt gibt es hier wieder verschiedene Möglichkeiten, nutzen wir schamanische Reisen, systemische Therapie (und andere Therapien) oder einen Gentest, der offenbart, dass wir bestimmte Stressoren vererbt bekamen aufgrund transgenerationaler Traumata?
Haben wir ausreichend Ressourcen und Resilienzfaktoren, die wir aufbauen sollten oder schon aufgebaut haben, um diesen Prozess zu beginnen, ihn zu durchschreiten und zu beenden? Können wir die Gefühle fühlen oder besser mit der Erkrankung umgehen? Alles ist legitim und ist als Lösungsmöglichkeit zu würdigen.
Werden wir ausreichend berührt und in unserem Sein begleitet und können uns an etwas Größeres in und um uns wenden, das diesen Prozess unterstützt, uns hält und uns Wege zeigt? Was bedeutet Nahrung für uns – auf allen Ebenen? Haben wir genug Eigenliebe und Selbstfürsorge entwickelt, um es uns wert zu sein, glücklich und gesund zu sein? Was immer das für uns bedeutet? Können wir uns selbst reflektieren, Irrtümer verzeihen und im Hier und Jetzt achtsam unseren Weg gehen? Sind wir dazu bereit?
Wie ist es mit Bewegung, die Spaß macht und Hobbies, die wir mit Begeisterung und Freude ausüben? Wie ist unser soziales Umfeld, haben wir eine Arbeit, eine Wohnung und eine Familie, die wohltuend und gesund für uns ist? Mögen wir meditatives Tun, die Natur oder Tiere?
Dies sind nur beispielhafte Gedanken, die weiter gedacht werden können oder als Anregung dienen.
Ganzheitlichkeit ist ein Prozess, an dem häufig ein multiprofessionelles Team (wie schon erwähnt) mitwirkt und das sollte auch so sein. Schön wäre es, wenn alle für den/die Patient/in da sind und sehen können, wann Grenzen erreicht sind, Pausen benötigt werden oder ein Weg zu Ende gegangen ist.




